Peter Schrammel
wolkenlos
Barranco de San Juan, 1175m - Puente del Burro, 1315m - Refugio de la Cucaracha, 1772m - Cerro de Mojón Alto, 3117m - Pico del Cuervo, 3147m - Cuneta de Vacares, 2971m - Puente del Burro - Barranco de San Juan
2230m
31km
10h20 (1:05 + 1:00 + 3:20 + 0:30 + 1:00 + 2:30 + 0:55)
5-10cm Schnee am Weg ab 2700m, Blankeis, Harsch und Bruchharsch; Steigeisen unbedingt notwendig. Bei mehr Schnee auch Pickel erforderlich.

Ich war eine Woche in Granada, um die dortige Bergwelt zu erkunden. Vorsorglich hatte ich mir eine Karte der Sierra Nevada gekauft und mögliche Routen recherchiert. In der Höhe war sicherlich Schnee zu erwarten, daher ließ ich mir alle Optionen offen. Die Hütten in der Gegend sind zumeist sehr spartanisch und ich wollte schweres Gepäck vermeiden. Da die Strecken in der Sierra Nevada aber sehr lang sind, sind Tagestouren grenzwertig. Vom Schigebiet wegzugehen, kam nicht in Frage; und Mulhacén von Süden wäre noch am kürzesten, aber schien mir nicht sehr interessant. Wesentlich anziehender war die Vereda de la Estrella. Der einzige erreichbare Gipfel ist der Pico del Cuervo, aber auch dorthin sind es mehr als 2000 Höhenmeter und ein 15km Marsch - in eine Richtung. Nach meinen Schottland-Touren war ich nicht so schlecht beisammen, aber ob es für so eine Gewalttour in unbekanntem Terrain, unbekannter Wegqualität und kurzem Tageslicht reichen würde? Zumindest war Kaiserwetter angesagt. Sonnenaufgang war um 8 Uhr. Daher fuhr ich gegen 7 Uhr auf der kurvenreichen, aber sehr gut ausgebauten Straße nach Güéjar-Sierra und dann auf engen, aber asphaltierten Straßen weiter zum Baranco San Juan am Ende der Straße. 4km vor dem Ende war ich mir schon unsicher, ob die Straße überhaupt noch weiterginge. Zum Glück war ich als einziger unterwegs, denn ein Ausweichen wäre auf der exponierten, 2m breiten Straße mit ihren rohen Tunneln, tiefen Schlaglöchern und Querrillen und manchmal beidseitigen Geländern nicht möglich gewesen. Um 8 Uhr marschierte ich weg. Handyempfang gab es keinen. Der Plan war, so weit wie möglich zu kommen und um 13 Uhr umzukehren; dann sollte ich bevor Einbruch der Dunkelheit wieder zurück sein. Nachdem ich den Río Genil gequert hatte, folgte der Weg dem etwa 50m tief eingeschnittenen Fluss taleinwärts. Der Weg war komfortabel breit, die Abbrüche in die dunkle Schlucht aber dennoch Vorsicht gebietend. Während die Schattseite bewaldet war, war die Sonnseite von Weidetieren abgegrast. Als ich um eine Ecke bog, hörte ich plötzlich ein Geräusch. Ich hielt inne und sah 20m vor mir zwei Steingeißen. Wir starrten uns gegenseitig an, während ich meinen Fotoapparat hervorholte. Die zwei waren nicht sehr beunruhigt und stiegen langsam weiter in die Schlucht ab. Die Sonne hatte in der Zwischenzeit die schneebedeckten Gipfel am Talschluss orangegelb eingefärbt. Nach einer Stunde zügigen Marschierens hatte ich zwar schon ein Drittel der Wegstrecke zum Gipfel, aber noch kaum Höhenmeter gemacht. Um den Aufstiegsriedel zu erreichen, musste ich wieder absteigen und den Río Genil überqueren. Da kamen mir zwei schwerbepackte Wanderer entgegen, die anscheinend eine Mehrtagestour hinter sich hatten. Der gut angelegte Weg zog in weiten Serpentinen an den Ruinen einer Behausung vorbei den Gegenhang hinauf. Der bewaldete Hang war mit Steinmauern terrassiert. Nun gewann ich schnell an Höhe und, auf dem Riedel angekommen, konnte ich einen Blick in die gewaltigen Nordwände der Sierra Nevada-Hauptgipfel erhaschen. Da ich interessiert war, wie die Hütten hier wirklich aussehen, nahm ich den zum Teil etwas ausgesetzten Querungsweg zum Refugio de la Cucaracha. Die Hütte liegt auf einem sonnigen Balkon mit wunderbarer Aussicht in die Nordwände, insbesondere die riesigen Moränen des ehemaligen Gletschers unterm Pico del Veleta. Es gibt einen Raum mit offenem Kamin und einen Raum mit hölzernen Betten ohne Matratzen. Es war 10 Uhr 15. Ich hielt mich nicht lange auf, sondern stieg zurück auf den Rücken. Dort gab es jetzt eine Vielzahl von Steigspuren, die alle aufwärts führten. Ich gewann stetig an Höhe, und die schneebedeckte Flanke des Cerro de Mojón Alto kam näher, war aber dennoch in unerreichbarer Ferne. Ich bekam Hunger und so beschloss ich nach 3 Stunden auf 2100m auf einem Felsbalkon ordentlich zu jausnen. Das gab mir neue Kraft, wenn auch nicht Zuversicht, und ich marschierte weiter. Nach einem etwas steileren Aufschwung sah ich plötzlich zwei Steinböcke oberhalb von mir. Der Weg war jetzt wieder besser erkennbar. Ich musste um einen flachen Graben herum und dann querend zum Westriedel des Cerro de Mojón Alto aufsteigen. Dort waren auch schon Schneeflecken, die sich auf dem Weg angesammelt hatten. Ein Rudel von einem Dutzend Steinböcken zog in der Flanke ostwärts. Ich war auf 2800m, als die Uhr 13 schlug. Ich sollte umkehren. Zur Cuneta de Vacares weiterzugehen hatte wenig Sinn. Eine andere Möglichkeit wäre der Gipfel des Cerro de Mojón Alto, der wäre nur mehr 300m, also ca. 45min, entfernt, wenn ich direkt aufsteigen würde. Ich hatte noch ausreichend Kräfte und eine Stirnlampe, falls es doch dunkel werden sollte. Gedacht, getan. Die langen Grashalme auf dem Hang waren dick mit Eis überzogen und auch dazwischen wurde der Schnee mehr. Also legte ich meine Grödel an. Ich gewann schnell an Höhe, bis sich die Flanke abflachte und der Schnee tiefer wurde. Immer wieder brach ich im Bruchharsch durch, was sehr kraftraubend war. Ich strebte mehr dem Gratrücken zu, wo das gehen auf dem Felsen einfacher wäre. Das war auch der Fall. Allerdings musste ich immer wieder vereisten Felsstufen in den tiefen Schnee ausweichen. Die Winterlandschaft war zauberhaft und zog mich zum Gipfel trotz aller Mühen. Um 13 Uhr 50 stand ich neben dem säulenförmigen Steinmann, der den Gipfel markierte. Der Rundumblick war gigantisch: das Grün-Braun-Orange der umliegenden Gebirge und die schneebedeckten, schwarzfelsigen Hauptgipfel der Sierra Nevada: Alcazaba, Mulhacén und Veleta. Dunkel werden würde es sowieso, daher beschloss ich die Tour ordentlich abzuschließen, zum Pico del Cuervo weiterzugehen und dann über die Cuneta de Vacares abzusteigen. 30min später hatte ich den flachen Rücken überquert und stand am Gipfel des Pico del Cuervo. Ich aß meinen letzten Proviant, genoß den Blick zur Alcazaba, und machte mich an den Abstieg über den Südgrat. Dieser war anfangs ein breiter Rücken, wurde in der zweiten Hälfte aber immer schmäler und der Weg wich immer mehr in die Westflanke aus und artete stellenweise in leichte Kraxelei aus. Ich wagte mich nicht zu weit in die steilen, gefrorenen Flanken, da ich meinen Steigeisen dort nicht vertraute. Es war bereits 15 Uhr 10, als ich den See unterhalb der Cuneta de Vacares erblickte und damit den am weitesten entfernten Punkt meiner Tour erreicht hatte. Von nun an ging's zurück: 15km. Doch zunächst wurde es eher mühsamer. Die Wegführung war nicht klar und eine schneehinterfüllte Moräne musste umgangen werden. Schließlich konnte ich die Steigeisen ablegen. Die Querung der Südwestflanke schien endlos. Ich brauchte eine Stunde, bis ich den Punkt erreichte, von wo ich zum Gipfel aufgestiegen war. Nun, da ich den Weg kannte, legte ich einen Zahn zu. Wo ich zuvor die zwei Steinböcke gesehen hatte, waren jetzt noch ein paar mehr. Auch war dort eine tote Kuh, die nur mehr aus Gerippe und Fellfetzen bestand. Im Laufschritt ging es weiter. In 90min stieg ich 1300m ab und querte den Río Genil gegen 18 Uhr. Zuvor waren mir noch einmal die zwei Steinbockdamen von der Früh begegnet. Nach dem Gegenanstieg wurde es schnell stockdunkel und ich musste meinen starken Fahrradscheinwerfer auspacken. Als ich die uralte Edelkastanie erreichte, wusste ich, dass ich etwa die Hälfte der Talstrecke hinter mir hatte. Um 18 Uhr 50 war ich schließlich beim Auto angekommen. Zum Glück war ich jetzt wieder der einzige, der talauswärts fuhr. Ich hoffte, dass sich noch niemand Sorgen machte, dass sie den ganzen Tag nichts von mir gehört hatten. Ich würde ihnen erst in Richtung Güéjar-Sierra Bescheid sagen können, wenn es wieder Empfang geben würde. Meine Restaurantreservierung um 20 Uhr 30 sollte ich auch noch wahrnehmen können.